Evidenzbasierte Orientierung zu Mikronährstoffen · Keine ärztliche Beratung
EvidenzgeprüftStand: 03. Oktober 2026Medizinische Redaktion

Ferritin-Wert im Blut: Speichereisen, Referenzbereiche und differenzierte Beurteilung

Was wird gemessen?

Ferritin ist ein globuläres Protein, das im Zellinneren (v. a. in Hepatozyten der Leber, Makrophagen und Knochenmarkszellen) bis zu 4.500 Eisen-Atome in wasserlöslicher, ungiftiger Form bindet. Im Blut zirkuliert eine geringe Menge Serum-Ferritin, die unter physiologischen Bedingungen proportional zur Gesamtkörper-Eisenreserve steht (1 µg/l Serum-Ferritin entspricht ca. 8–10 mg Speichereisen).

Klinischer Zweck & Aussagekraft

Serum-Ferritin ist der sensitivste und etablierteste Laborparameter zur quantitativen Erfassung der körpereigenen Eisenspeicher. Es dient der Frühdiagnose eines Speichereisenmangels, noch bevor eine manifeste mikrozytäre Eisenmangelanämie mit Absinken des Hämoglobinwerts vorliegt, sowie der Verlaufskontrolle einer Eisentherapie.

Referenz- & Entscheidungsbereiche

* Hinweis: Referenzbereiche können laborspezifisch je nach Testmethode leicht abweichen. Die Interpretation gehört immer in den klinischen Kontext.

Gruppe / KategorieMessbereichAnmerkungQuelle
Gesunde Erwachsene (ohne Entzündungsaktivität)ca. 15 – 150 µg/l (Frauen) bzw. 30 – 300 µg/l (Männer)Labor- und methodenspezifische Referenzbereiche beachten.Thomas L., Labor und Diagnose (9. Aufl.) / DGKL
WHO-Kriterium für entleerte Speicher (Allgemeinbevölkerung)< 15 µg/lZeigt bei fehlender Entzündung entleerte Eisenspeicher an.WHO Guideline on serum ferritin concentrations (2020)
AWMF / DGHO Schwellenwert für Speicherdefizit< 30 µg/lGilt in der klinischen Praxis als Indikator für ein behandlungsbedürftiges Defizit bei vorliegender Symptomatik.AWMF S3-Leitlinie 025/021 Eisenmangelanämie
Chronisch-entzündliche Erkrankungen / Herzinsuffizienz< 100 µg/l (oder 100–299 µg/l bei TfS < 20 %)Aufgrund der Akute-Phase-Reaktion gelten bei chronischer Inflammation deutlich höhere Entscheidungsgrenzen.ESC Guidelines on Heart Failure / AWMF

Grenzen des Parameters

  • •Akute-Phase-Protein: Bei akuten oder chronischen Entzündungen (Infekte, Rheuma, Colitis, COVID-19, Adipositas) steigt Ferritin reaktiv an und kann normale oder erhöhte Werte vortäuschen, obwohl die Eisenspeicher tatsächlich entleert sind.
  • •Leberzellschädigung: Bei Fettleber, Hepatitis oder Alkoholkonsum wird intrazelluläres Ferritin unkontrolliert ins Blut freigesetzt.
  • •Malignome: Manche Tumoren führen zu paraneoplastischen Ferritinerhöhungen.

Wichtige Einflussfaktoren & Störgrößen

Folgende physiologische und pathologische Faktoren können den Messwert beeinflussen:

Akute Entzündung / Infektion
Effekt: Falsch normal oder falsch erhöht
Klinische Relevanz: Gleichzeitige Bestimmung des C-reaktiven Proteins (CRP) ist für die verlässliche Interpretation sinnvoll.
Schwangerschaft
Effekt: Physiologischer Abfall ab dem 2. Trimester
Klinische Relevanz: Erhöhter mütterlicher und fetaler Eisenbedarf erfordert engmaschige Kontrollen.
Hämochromatose (Eisenspeicherkrankheit)
Effekt: Exzessiv erhöht (> 500–1000 µg/l)
Klinische Relevanz: Gefahr von Organschäden an Leber, Herz und Pankreas; erfordert humangenetische Abklärung.

Sinnvolle Kombination mit weiteren Markern

C-reaktives Protein (CRP)
Schließt eine Akute-Phase-Reaktion aus. Ist CRP erhöht, verliert ein normales Ferritin seine Aussagekraft für volle Eisenspeicher.
Transferrinsättigung (TfS)
Misst das funktionell für die Blutbildung verfügbare Transporteisen. Eine TfS unter 20 % weist auch bei unklarem oder erhöhtem Ferritin auf einen funktionellen Mangel hin.
Löslicher Transferrinrezeptor (sTfR)
Wird von Erythroblasten bei zellulärem Eisenhunger hochreguliert. Im Gegensatz zu Ferritin wird sTfR kaum durch Entzündungen beeinflusst.

Wann ist eine ärztliche Rücksprache ratsam?

  • •Ein Serum-Ferritin unter 30 µg/l in Kombination mit Erschöpfung, Haarausfall oder Kälteintoleranz.
  • •Unerklärlich hohe Ferritinwerte (> 300 µg/l bei Frauen, > 400 µg/l bei Männern) zum Ausschluss einer Eisenüberladung.
  • •Chronische Magen-Darm-Beschwerden oder starke Monatsblutungen.

Zugehöriges Nährstoffprofil & Verwandte Artikel

Wissenschaftliche Quellen & Leitlinien

  1. AWMF S3-Leitlinie 025/021: Diagnostik und Therapie der Eisenmangelanämie (DGHO / DGIM 2022).[Quelle]
  2. WHO Guideline on use of ferritin concentrations to assess iron status in individuals and populations (2020).[Quelle]
  3. Thomas, L.: Labor und Diagnose. 9. Auflage, TH-Books Verlagsgesellschaft (2020).[Quelle]
  4. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Referenzwerte für Eisen (Stand 2024).[Quelle]